Mauer aus Seidenpapier
- lea schüpbach
- 10. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 8 Stunden
Mauer aus Seidenpapier – zart und durchlässig, ein Hauch von Schutz in einer Welt, die schreit.

Ich funktioniere. Ich lächle. Ich bin pünktlich, höflich, da. Und niemand sieht, dass mein System am Limit fährt, dass ich jedes „Wie geht’s?“ mit einem Lächeln ertränke, weil ich nicht weiß, wie ich antworten soll, ohne in Tränen zu zerfallen.
Meine Mauer aus Seidenpapier – reicht nicht aus, um mich vor all dem Lärm zu schützen, vor den Blicken, vor dem Druck, vor der Angst.
Manchmal bin ich wie ein offenes Fenster bei Sturm. Alles kommt rein. Alles trifft mich. Und ich kann nichts, nichts nichts filtern.
Stell dir vor, dein Kopf ist ein Raum mit hundert Stimmen, die gleichzeitig reden, keine leiser, keine klarer, und du versuchst eine zu hören – deine. Aber sie ist verschwunden. Weil der Dämon auf deiner Schulter mal wieder schneller war.
Meine Mauer aus Seidenpapier – ein feines Netz aus Selbstschutz, Hoffnung und Erschöpfung. Sie flattert im Wind, doch schützt nicht vor dem Sturm.
Es gibt Tage, da steh ich auf und alles tut weh – nicht der Körper, sondern das Leben.
Ich dusche, nicht um sauber zu sein, sondern um zu merken, dass ich da bin.
Ich scrolle durch Nachrichten, antworte aber auf keine. Nicht, weil ich nicht will. Sondern weil schon „Hallo“ zu viel ist.
Meine Mauer aus Seidenpapier – hält mich gerade so zusammen. Sie ist kein Bollwerk. Sie ist ein Flüstern: „Noch bin ich hier.“
Und ja – es gibt sie. Die Menschen, die mich sehen. Die Freunde, die bleiben. Die mit Taschenlampen an meine Schatten gehen und sagen: „Ich hab keine Angst davor.“
Sie flüstern: "Du bist nicht falsch." "Ich seh dich." "Du musst das nicht alleine tragen." "Es ist okay, wenn’s dir nicht gut geht." "Du darfst müde sein."
Und ich höre sie. Wirklich. Aber mein Herz? Springt nicht immer an. Manchmal sind ihre Worte wie Tropfen auf heißem Stein. Zu leise für das Chaos in mir.
Ich sehe sie, und gleichzeitig nicht. Ich spüre sie, und bin doch taub. Ein Vakuum zwischen mir und dem Licht, das sie bringen.
Und das ist das Bitterste: Zu wissen, dass ich geliebt bin – und es nicht fühlen zu können.
Sie geben alles. Ihre Zeit. Ihre Geduld. Manchmal sogar ihre Tränen. Und ich gebe oft nur Schweigen zurück.
Nicht aus Undankbarkeit. Sondern weil ich mich selbst nicht erreiche.
Meine Mauer aus Seidenpapier – sie hängt wie Schleier zwischen mir und allem, was mich retten will. Aber manchmal kommt Liebe doch hindurch. Ein Lichtstrahl, ein warmer Blick, ein Lächeln, das in mir leise weiterleuchtet.
Die Hochs – kurz, elektrisch, wie ein Neonblitz. Ich kann Bäume ausreißen, Pläne schmieden, Lachen spüren. Doch kaum greife ich nach dem Glück, zieht es sich zurück. Und die Tiefe ist tiefer als zuvor.
Die Tiefs – schwer, dunkel, lang. Sie schmecken nach Stillstand und Schuld, nach leerem Blick und zu vollem Herz.
Meine Mauer aus Seidenpapier – wird durchweicht von Tränen, von Gedanken, von Fragen wie: „Bin ich genug?“ „Bleibt das für immer so?“ „Warum kann ich nicht einfach normal sein?“
Wenn alles im Außen gut läuft, läuft mein Inneres Amok. Erfolg fühlt sich fremd an. Glück macht Angst. Ruhe macht Panik. Ich traue dem Frieden nicht, weil ich den Krieg gewohnt bin.
Und dann: dieser Kampf – Herz sagt: Fühl. Kopf sagt: Funktionier. Bauch sagt: Renn. Und der Dämon? Er flüstert: „Du schaffst das eh nicht.“ „Alle denken, du bist faul.“ „Du bist zu viel. Immer.“ Und manchmal glaub ich ihm. Manchmal rede ich wie er. Über mich.
Meine Mauer aus Seidenpapier – sie schützt nicht vor mir selbst. Und das ist das Schwerste.
Ich bin so müde, dass Schlaf nicht reicht. So leer, dass Ablenkung nicht hilft. So laut in mir, dass selbst Stille schmerzt.
Und trotzdem – irgendwo da drinnen ist eine kleine Stimme, die nicht ganz verstummt.
Sie sagt: „Schreib.“ „Schrei.“ „Sei.“
Und so schreibe ich. Nicht, weil es leicht ist. Sondern weil es Leben rettet.
Meine Mauer aus Seidenpapier – wurde aus Schmerz gemacht. Aus Tränen, die niemand gesehen hat. Aus Kämpfen, die ich allein geführt habe. Aus Momenten, in denen ich fast gegangen wäre – aber blieb.
Denn weißt du, wie Seidenpapier entsteht?
Aus zerriebenen Fasern, aus Zerstörung, aus Prozess. Es wird gewaschen, gehämmert, gepresst – bis aus Chaos etwas Zartes wächst. Etwas Feines. Etwas Leichtes.
So wie ich. So wie du.
Und weißt du, was noch aus Fasern entsteht?
Ein Kokon.
Und aus dem Kokon – wird irgendwann ein Schmetterling.
Ich bin noch nicht geflogen. Aber ich wachse. Langsam. Zart. Mit jedem Tag, an dem ich bleibe, an dem ich atme, an dem ich mich traue, zu sagen:
„Mir geht’s nicht gut.“ Aber ich bin hier. Und das zählt.
Meine Mauer aus Seidenpapier – ist vielleicht kein Schutzschild. Aber sie ist echt. Und manchmal – ist das der erste Schritt zur Freiheit.


Kommentare