top of page

Der Strich dazwischen

Aktualisiert: vor 6 Stunden

Stell dir vor, es ist still.

 Nicht leer. Nicht kalt.

 Nur still genug, dass nichts mehr ausweichen kann.

 Du liegst hier. Dein Name steht auf dem Stein.

 Darunter zwei Jahreszahlen.

 Eine für den Moment, in dem du geboren wurdest,

 und eine für den, in dem du gestorben bist.

Und dazwischen ein schmaler Strich.

 Unauffällig. Fast unscheinbar.

 Und doch alles, was dein Leben war.

 Denn dieser Strich erzählt nicht, wie lange du hier gewesen bist.

 Er erzählt, welche Bedeutung du der Zeit dazwischen gegeben hast.


Close-up view of an open poetry book with handwritten notes

Alles, was zwischen Anfang und Ende liegt, passt genau hier hinein.

 Der Strich ist nicht das, was dir passiert ist.

 Er ist das, was du daraus gemacht hast.

Deine ersten Schritte. Dein Innehalten.

 Dein Zweifeln. Dein Weitergehen.

 Die Tage, an denen du dachtest, du müsstest mehr sein.

 Und die, an denen du gemerkt hast,

 dass du genau so richtig bist.

Der Strich erinnert sich an den Moment,

 in dem du von Herzen gelacht hast,

 so plötzlich, dass alles andere

 für einen Augenblick keine Rolle mehr gespielt hat.

 

Er hält fest, wann du gefallen bist.

 Und wann jemand seine Arme um dich gelegt hat,

 als wäre genau das der Ort, an den du gehörst.

Der Strich erzählt von Entscheidungen,

 die dich Nächte gekostet haben.

 Und von jenen, die sich leicht angefühlt haben,

 weil du gespürt hast:

 Jetzt. Hier. Genau richtig.

Der Raum ist still.

 Blumen stehen überall. Kerzen werfen weiches Licht.

 Stühle stehen in Reihen.

 Vorne die erste Reihe.

 Wer sitzt da?

 

Wer ist geblieben, als du nicht mehr die Gleiche warst wie früher?

 Wer hat dein Lachen gekannt und deine Müdigkeit?

 Wer wusste, wie viel du getragen hast,

 ohne dass du es erklären musstest?

Und wer fehlt?

 Wer hätte hier sitzen sollen, steht aber nicht da,

 weil Worte zu lange gewartet haben,

 weil man dachte, es gäbe noch Zeit.

Wer sitzt da und weiß nicht, wie wichtig sie dir war,

 weil du es nie ausgesprochen hast,

 weil es sich zu selbstverständlich angefühlt hat?

 

Stell dir vor, du könntest ihnen zuhören.

 Keine großen Reden. Keine feierlichen Worte.

 Nur Sätze wie:

 „Sie war stark.“

 „Sie hat stets versucht.“

 „Sie hat durchgehalten.“

Und du erinnerst dich an all die Momente,

 in denen du mehr warst als das.

 An Gespräche, die zu lang gingen,

 weil niemand gehen wollte.

 An Sekunden, in denen du dachtest:

 Genau hier bin ich richtig.

Der Strich dazwischen zählt nicht Jahre.

 Er zählt Tiefe.

 

Die Male, in denen du geschwiegen hast,

 obwohl du hättest sprechen sollen.

 Und die, in denen du den Mut hattest,

 dich zu zeigen und dafür belohnt wurdest.

Die Liebe, die du zurückgehalten hast.

 Und die, die du gegeben hast, ohne nachzudenken.

 Die Angst, die dich kleiner gemacht hat.

 Und die Freiheit, die du gespürt hast,

 wenn du sie für einen Moment vergessen konntest.

Welche Umarmung hat sich immer nach Zuhause angefühlt?

 

Wann hast du dich leicht gefühlt, mitten im Chaos,

 weil jemand gelächelt hat

 und alles plötzlich nicht mehr so wichtig war?

 Welche Stunde ging zu schnell vorbei,

 weil du so sehr im Leben warst,

 dass du die Zeit vergessen hast?

Was wolltest du noch tun?

 Was wolltest du sagen?

 Wem wolltest du sagen:

 Ich liebe dich. Ich brauche dich. Ich habe Angst.

 Und hast gehofft, man würde es auch so verstehen?

 

Jetzt gibt es kein Später mehr.

 Kein Irgendwann.

 Nur diesen Strich.

Gefüllt mit schweren Schritten

 und leichten Momenten.

 Mit Zweifeln und Lachen.

 Mit Nähe und Abstand.

Er misst nicht, wie lange du hier warst.

 Er misst, wie sehr du hier warst.

Und vielleicht ist genau dieser Gedanke

 kein Ende, sondern ein Anfang.

 Nicht später. Nicht irgendwann. Jetzt.

 

Denn solange du atmest,

 verändert sich dieser Strich noch.

 Mit jedem Wort, das du dich traust zu sagen.

 Mit jeder Umarmung, die du zulässt.

 Mit jedem Moment, in dem du stehen bleibst und denkst:

 Ja. Das fühlt sich nach mir an.

Du schreibst noch an diesem Dazwischen.

 Langsam. Unperfekt. Ehrlich.

 So auch ich…

Damit mein Strich dazwischen eines Tages nicht sagt:

 Ich war lange da.

 Sondern:

Ich war wirklich hier.

 

 
 
 

Kommentare


bottom of page